Donnerstag, 16.08.2018 21:31 Uhr

Wolfsschlucht, Springprozession und Lëtzebuergesch

Verantwortlicher Autor: Edgar Hungs EUPEN, 11.10.2017, 17:13 Uhr
Presse-Ressort von: Edgar Hungs Bericht 5594x gelesen

EUPEN [ENA] Die Sauer. Sie ist zwar nicht so berühmt wie der Rhein und die Mosel. Auch nicht besungen oder Legenden ranken sich um den Drei-Länder-Fluss. Es ist still an den Ufern der Sauer und doch gibt es Vieles zu entdecken. Aus den belgischen Ardennen kommend windet sich der Flusslauf durch Luxemburg bis nach Rhein-land-Pfalz. Dabei bildet die ‚Sûre‘ auf einigen Kilometer die natürliche Landesgrenze.

In der Südeifel liegt der deutsch-luxemburgische Naturpark mit seinen einzigartigen Naturschönheiten und beeindruckenden Zeugen regionaler Kultur. Wir halten diesmal auf dem Campingplatz im deutschen Echternacherbrück am Ufer der Sauer, nur eine Brücke trennt uns vom luxemburgischen Echternach. In diesen Tagen des Spätsommers liegt schon der Morgennebel über dem Grenzfluss. Die Glocken der St. Willibrordus Basilika sind deutlich in der ‚Kleinen Luxemburger Schweiz‘ zu hören. Keine Grenze kann ihren Klang aufhalten. Ein einzigartiges Glockenspiel. Deutlich und klar, Stunde für Stunde.

Das ‚Mëllerdall‘ (Müllerthal) hat viele Facetten. Die ersten Angler in ihren Wathosen durchstreifen das Gewässer. Da ist keine Hektik, vielmehr Konzentration an-gesagt. Jeder Schritt kann einen Fisch verscheuchen. Nur die Schnur der Rute wiegt sich in einem ständigen Wechsel von Werfen und Ziehen. Über Rad- und Wanderwege von leicht bis anspruchsvoll kann die Faszination Natur hautnah zu beiden Seiten des Flusses erlebt werden. In ein übergreifendes Netz erstrecken sich die kleinen Panoramawege durch Wiesen, Weiden und Wälder. Bizarre Felsformationen und Schluchten, Bachtäler und romantische Kulturgüter wechseln einander ab.

Die Witterung hat in den Sandsteinfelsen förmliche Kunstwerke eingefräst. Mythen und Sagen lassen diese skurrile Welt noch unheimlicher erscheinen. Trotz Anstieg wird man durch dieses einzigartige Naturschauspiel belohnt. Langsam verändern sich die Laubbäume. Sie legen ihr Herbstkleid an. Die Mittagssonne hebt die ersten kräftigen Farben der Blätter hervor. Noch wenig Laub auf den Wegen. Aber das wird sich schnell ändern.

Mit dem Fahrrad entlang der Sauer oder auch ins Hinterland. Die gut ausgebauten Pfade des Drei-Flüsse-Radweges sind eine wohltuende Einladung, das Panorama und die verschiedenen Landschaftselemente zu erkunden. Mal leicht, mal schwieriger geht es ins Müllerthal. Jeder Weg ist ausreichend ausgeschildert. Da hat man ein Auge für die Höhlen, Schluchten und Spalten, den Sehenswürdigkeiten von kulturellem Rang und den diversen geologischen Gesteinsformen. Uns bleibt noch Zeit für den Echtenacher See, einem Wasseridyll inmitten eines harmonischen Landschaftsbildes.

In Echternach ist Gastfreundschaft, Gemütlichkeit und Frömmigkeit stets präsent. Jakobuspilger in der Basilika, Kindertrödel auf dem Marktplatz, kleine Terrassen. Und dazu das ‚Lëtzebuergesch‘. Multisprachengewirr in allen Ecken und Gassen der Stadt. Aber auch das Kulturerbe und Brauchtum ist in der Altstadt gegenwärtig. Irgendwie wirkt Alles vertraut. Ja fast heimisch. Äddi!

Die Echternacher Springprozession Die Basilika in Echternach ist dem Hl. Willibrord geweiht. Nach der Plünderung durch die französischen Truppen und der Umgestaltung in eine Porzellanfabrik wurde die Kirche 1861 restauriert, ehe sie im 2. Weltkrieg während der Rundstedt-Offensive zerstört wurde. Zwischen 1948 und 1953 wieder neu errichtet, blieben Krypta und Freskenmalereien erhalten. Am Dienstag nach Pfingsten findet alljährlich die Springprozession statt. Die Prozessionsteilnehmer springen zum Klang von Marschmusik durch die Stadt und ehren so den Heiligen Willibrord. Wie es zu dem Springen kam, ist bis heute nicht eindeutig nachzuweisen.

Jüngere Thesen deuten darauf hin, dass diese Form älter ist, als die eigentliche Verehrung des Heiligen. Sie bezieht sich auf Kulttänze der Germanen und Frühchristen. Willibrord gilt als einer der Heiligen, die bei Nervenkrankheiten angerufen wurde. Man konnte also annehmen, dass hauptsächlich kranke Gläubige an der Prozession teilnahmen. Der Tanzschritt ist nirgendwo festgeschrieben. Ursprünglich bedeutete der ‚Echternacher Pilgerschritt‘ zwei (später drei) Schritte nach vorne und ein (zwei) zu-rück. 1947 änderte man diese Regelung ab. Seither springen die Teilnehmer nur noch mit seitlichen Schritten vorwärts.

Dabei wechselt man jeweils nach links und nach rechts im Rhythmus des Prozessionsmarsches. Dabei verweilt man kurz auf den jeweiligen Fuß, ehe man in die andere Richtung übergeht. Bis zu 12.000 Menschen nehmen alle Jahre wieder teil, wovon rund 9.000 Springer. Hier vereinen sich Tradition und religiöser Glaube. Der Begriff der Echtenacher Springprozession (drei vor und zwei zurück) hat sich fest in unserem alltäglichen Sprachengebrauch verankert. Dieser umschreibt mühsam vorangehende Prozesse, bei denen viele Rückschritte zu verzeichnen sind. 2010 wird dieses Ergebnis in die UNESCO Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

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